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Thema Beckenschmerz: Analyse von: "Pain Science Education Concepts for Pelvic Pain: An e-Delphi of Expert Clinicians"


Diese Studie,veröffentlicht am 04.02.2025, untersucht, wie ein Leitfaden für eine effektive Schmerzaufklärung (Pain Science Education, PSE) anhand eines Expert:innen-Konsens bei persistierenden Beckenschmerzen erstellt werden könnte. Um es gleich vorweg zu nehmen:


Die Studie richtet sich vorrangig an Personenen weiblichen Geschelchts, da viele ihrer spezifischen Krankheitskonzepte weibliche Schmerzsyndrome betreffen.

CPPS ist in der Studie nicht prominent vertreten, obwohl es eine der häufigsten Formen chronischer Beckenschmerzen ist – insbesondere bei Männern.

Die Studie könnte durch die Integration von Konzepten für männliches CPPS, prostatabedingte Schmerzen und geschlechtsübergreifende Schmerzmechanismen ausgewogener sein.


👉 Kurz gesagt: Diese Studie spricht hauptsächlich Frauen mit chronischen Beckenschmerzen an, während CPPS – insbesondere bei Männern – nur indirekt berücksichtigt wird. (Schade)



Mardon, Amelia K et al. “Pain science education concepts for pelvic pain: an e-Delphi of expert clinicians.” Frontiers in pain research (Lausanne, Switzerland) vol. 6 1498996. 4 Feb. 2025, doi:10.3389/fpain.2025.1498996
Mardon, Amelia K et al. “Pain science education concepts for pelvic pain: an e-Delphi of expert clinicians.” Frontiers in pain research (Lausanne, Switzerland) vol. 6 1498996. 4 Feb. 2025, doi:10.3389/fpain.2025.1498996


Die Analyse wurde von einem internationalen Team aus Expert:innen im Bereich Schmerzforschung und Physiotherapie durchgeführt.


Dazu wurde eine e-Delphi-Umfrage mit 20 internationalen Expert:innen (u.a. Physiotherapeut:innen, Gynäkolog:innen, Psycholog:innen) durchgeführt, um einen Konsens über Lerninhalte zu erzielen. Der bekannteste Autor dieser Studie ist G. Lorimer Moseley - zu seinem Einfluss auf Gestaltung und Ausgang der Studie später mehr...


Die e-Delphi-Methode ist eine systematische, mehrstufige Befragung von Expert:innen mit dem Ziel, Konsens über ein bestimmtes Thema zu erzielen. Dabei wird die klassische Delphi-Methode digital über Online-Umfragen durchgeführt ("e" steht für "elektronisch").


Diese Methode wird häufig in der Medizin, Forschung und Politikberatung genutzt, um strukturiert Meinungen und Wissen von Fachleuten zu sammeln.


Ziel ist die Entwicklung eines Curriculums zur besseren Patient:innenaufklärung.


Die Expert:innen werden also um die Formulierung bestimmter Aussagen zu Beckenschmerzen gebeten - die sie in der Praxis Patient:innen zur Aufklärung der Schmerzen mitteilen. Darunter befanden sich edukative Sätze wie:


„Schmerz bedeutet nicht immer Gewebeschaden.“

„Das Nervensystem wird bei chronischem Schmerz überempfindlich.“ 

„Gedanken und Emotionen beeinflussen Schmerzempfinden.“ 


Stärken der Studie/ Stärken der Delphi Methode

Systematische Erfassung der Einschätzungen erfahrener Fachleute

Interdisziplinäre Expert:innen-Runde

Ergebnis mit Praxisrelevanz  als Basis für patientenorientierte Bildungsangebote

Wissenschaftliche Transparenz


Die Delphi-Methode ist besonders wertvoll für Themen, zu denen es noch keine eindeutige Forschungslage gibt oder bei denen verschiedene Fachrichtungen zu einer gemeinsamen Sichtweise kommen sollen. ➡ dies ist beim Thema Beckenschmerz nach wie vor der Fall.


Schwächen der Studie

Fehlende Evidenzprüfung:

  • Einige der ermittelten Aussagen sind wissenschaftlich nicht durch Studien abgesichert.

  • Es wurde nicht überprüft, ob die Expert:innen evidenzbasierte Inhalte wiedergaben.

Fehlende Patient:innenperspektive:

  • Patient:innen wurden nicht in die Entwicklung der Aussagen einbezogen.

  • Frühere Studien zeigen, dass Betroffene biologische Schmerzursachen (z.B. Endometriose) stärker gewichtet sehen wollen als Fachleute.

Keine Berücksichtigung gastroenterologischer Faktoren:

  • Der Fokus liegt auf gynäkologisch-urologischen Ursachen, obwohl gastrointestinale Beschwerden oft mit Beckenschmerzen assoziiert sind.

Mögliche Verzerrungen durch Expert:innenauswahl:

  • Die Auswahl der Teilnehmer:innen erfolgte durch Netzwerke der Autor:innen (Snowball-Sampling), was eine Verzerrung zugunsten bestimmter Denkrichtungen bedeuten kann.


Zusammenfassung der Expert:innenaussagen


Etwas ernüchternd ist die Schwerlastigkeit der getroffenen Aussagen (> 80%) zum allgemeinen Verständnis von Schmerz. Abgesehen von einigen wenigen Aussagen, könnten diese edukativen Inhalten zum Beispiel auch auf persisterenden Rückenschmerz bezogen weren. Allerdings kommt dabei eine anschauliche Liste von edukativen Aussagen zum aktuellen und zur Zeit global breit akzeptierten Verständnis von Schmerz zusammen:


Die 13 übergeordneten Kategorien der allgemeinen Schmerzkonzepte

Die 102 allgemeinen Aussagen wurden in 13 thematische Kategorien unterteilt:


📌 1. Die Erfahrung von Schmerz

Schmerz ist real.Schmerz ist persönlich und individuell.Schmerz ist eine normale Körperreaktion.Das Schmerzempfinden kann sich im Laufe der Zeit verändern.Schmerz kann unterschiedliche Ursachen haben.


📌 2. Unterschiedliche Schmerzarten

Es gibt Unterschiede zwischen akutem und chronischem Schmerz.Es gibt Unterschiede zwischen nozizeptivem und noziplastischem Schmerz (laut IASP-Definition).


📌 3. Das Gehirn und Nervensystem sind an Schmerz beteiligt

Schmerz wird vom Gehirn reguliert.Schmerz ist eine Reaktion des zentralen Nervensystems.Das Gehirn entscheidet, ob Schmerz gefühlt wird oder nicht.Das Nervensystem kann durch Schmerz überempfindlich werden.


📌 4. Schmerz ist ein Schutzmechanismus

Gefühle von Sicherheit können Schmerzen reduzieren.Das Gehirn gewichtet Schmerz im Beckenbereich besonders hoch, um Schutzmechanismen zu aktivieren.Das Gehirn entscheidet basierend auf Gefahren- und Sicherheitsreizen über das Schmerzempfinden.Beckenschmerzen sind oft eine Überreaktion des Nervensystems.Schmerz ist nicht immer ein Zeichen für Gewebeschädigung.Ein überempfindliches Nervensystem kann Schmerz auch ohne offensichtlichen Grund erzeugen.Chronische Schmerzen können durch wiederholte Schmerzsignale verstärkt werden.Die Erwartung von Schmerz kann das Schmerzempfinden verstärken.Bewusstes Entspannungstraining kann das Schmerzsystem beruhigen.


📌 5. Chronische Beckenschmerzen verändern das Gehirn und Nervensystem

Das Nervensystem wird bei chronischem Schmerz hypersensibel.Schmerz kann an verschiedenen Stellen des Körpers gefühlt werden, selbst wenn die Ursache lokal begrenzt ist.Chronischer Schmerz verändert die Art, wie das Gehirn Schmerz interpretiert.Das Nervensystem kann neue Schmerzsignale generieren, auch wenn keine physische Schädigung vorliegt.Schmerz kann „gelernt“ werden und sich verselbstständigen.Schmerz ist nicht statisch, sondern veränderbar.Frühere Schmerzerfahrungen beeinflussen, wie Schmerz heute wahrgenommen wird.


📌 6. Chronische Schmerzen und Gewebeschäden korrelieren nicht immer

Mehr Schmerz bedeutet nicht automatisch mehr Gewebeschaden.Endometriose-Läsionen korrelieren nicht immer mit Schmerzintensität.Menschen können starke Schmerzen haben, obwohl keine strukturellen Schäden nachweisbar sind.Beckenschmerz kann ohne eine sichtbare Ursache bestehen bleiben.


📌 7. Chronischer Beckenschmerz kann sich verbessern

Beckenschmerzen sind behandelbar.Das Nervensystem kann sich wieder normalisieren.Schmerzen können sich mit der richtigen Behandlung verringern.


📌 8. Chronische Schmerzen werden durch viele Faktoren beeinflusst

Biopsychosoziale Faktoren beeinflussen Schmerz und Nervensystem-Sensibilität.Beckenschmerz ist ein komplexes Zusammenspiel aus Körper, Psyche und Umwelt.Schmerz ist nicht nur körperlich, sondern auch durch soziale und emotionale Aspekte geprägt.


📌 9. Biologische Faktoren, die Beckenschmerzen beeinflussen

Lebensstil (z. B. Ernährung, Bewegung) beeinflusst Schmerz.Schlafqualität hat einen großen Einfluss auf Beckenschmerzen.Schmerz ist ein Zusammenspiel aus peripheren und zentralen Mechanismen.Chronischer Schmerz kann durch wiederholte Aktivierung des Nervensystems verstärkt werden.Entzündungsprozesse können Schmerzen verstärken.Hormonelle Schwankungen spielen eine Rolle bei Beckenschmerzen.Bewegung kann Schmerzen beeinflussen – positiv oder negativ.Das autonome Nervensystem (z. B. Sympathikus) beeinflusst Beckenschmerzen.Chronische Schmerzen können das Immunsystem beeinflussen.Der Stoffwechsel kann Schmerzempfinden modulieren.Durchblutung und Sauerstoffversorgung spielen eine Rolle bei der Schmerzverarbeitung.Darmgesundheit und Mikrobiom beeinflussen das Nervensystem und Schmerzprozesse.Genetische Faktoren können das Schmerzempfinden beeinflussen.Neurotransmitter (z. B. Serotonin, Dopamin) regulieren Schmerz.Entspannungsübungen können das Schmerzsystem beruhigen.Schmerz kann durch gezieltes Training der Schmerzverarbeitung verringert werden.Medikamente haben eine begrenzte Wirkung auf chronische Schmerzen.Chronische Schmerzpatient:innen profitieren oft mehr von nicht-medikamentösen Ansätzen.Selbstwirksamkeit kann Schmerzen reduzieren.Ein positives Mindset kann Schmerzverarbeitung verändern.Die Körperhaltung kann Beckenschmerzen beeinflussen.Vaginale Gesundheit spielt eine Rolle bei Beckenschmerzen.Entzündungshemmende Ernährung kann bei Beckenschmerzen helfen.


📌 10. Der Beckenboden beeinflusst Beckenschmerzen

Erhöhter Muskeltonus im Beckenboden kann Schmerzen verursachen.Ein angespannter Beckenboden kann Schmerzen beim Sex verstärken.Nicht alle Beckenschmerzen sind durch Muskelverspannungen bedingt.Gezielte Beckenbodentherapie kann Schmerzen lindern.


📌 11. Psychosoziale Faktoren beeinflussen Beckenschmerzen

Stress kann Beckenschmerzen verstärken.Negative Gedanken beeinflussen das Schmerzempfinden.Angst vor Schmerz kann die Schmerzverarbeitung verstärken.Beziehungen und soziale Unterstützung haben Einfluss auf Schmerz.Schmerzen können psychische Beschwerden auslösen.Schmerzen können traumatische Erlebnisse reaktivieren.Schmerz ist eng mit Emotionen verbunden.Das Nervensystem reagiert auf emotionale Belastungen.Psychologische Therapie kann Beckenschmerzen lindern.


📌 12. Möglichkeiten zur Schmerzbewältigung

Aktive Therapieansätze helfen mehr als passive.Patient:innen können Kontrolle über ihre Schmerzen gewinnen.Selbstwirksamkeit verbessert die Schmerzbewältigung.Gezielte Bewegungsprogramme sind effektiver als Ruhigstellung.


📌 13. Schmerzaufklärung kann Schmerzen reduzieren

Pain Science Education (Schmerzaufklärung) kann Angst, Stress und negative Gedanken über Schmerz reduzieren.Schmerzaufklärung kann das Nervensystem beruhigen und zur Schmerzreduktion beitragen.


Spezifische Aussagen für bestimmte Diagnosen

Nun zum eigenlichten Punkt - nämlich edukative Aussagen die spezifisch für Schmerzerkrankungen des Beckens getroffen wurden:


📌 Edukative Aussagen für Schmerzerkrankungen des Beckens

🔹 Endometriose & Adenomyose

1️⃣ Pelvic Pain Flares bedeuten nicht zwangsläufig Endometriose-Läsionen oder Rezidive.

2️⃣ Die Menge an Endometriose-Läsionen korreliert nicht mit der Schmerzintensität.

3️⃣ Adenomyose kann ohne Schmerzen auftreten.

4️⃣ Endometriose kann Nervensensibilisierung verursachen, selbst wenn keine aktiven Läsionen vorhanden sind.

5️⃣ Nicht jede Beckenbodendysfunktion bei Endometriose ist primär muskulär bedingt.

6️⃣ Chirurgische Eingriffe sind nicht immer eine Lösung für Endometriose-Schmerzen.

7️⃣ Hormonelle Veränderungen beeinflussen Schmerz, aber nicht jeder profitiert von Hormontherapie.

8️⃣ Endometriose-assoziierte Schmerzen sind oft multifaktoriell (zentrale Sensibilisierung, Entzündung, hormonelle Einflüsse).


🔹 Blasenschmerzsyndrom (BPS)

9️⃣ Pelvic Pain im Zusammenhang mit Blasenschmerzsyndrom wird durch periphere und zentrale Mechanismen beeinflusst.

🔹 Vulvodynie & Vulva-Schmerzen

🔟 Vulvodynie unterscheidet sich von Vulvaschmerzen, die durch Pathologien oder Krankheiten verursacht werden.

1️⃣1️⃣ Vulvodynie ist eine komplexe primäre Schmerzerkrankung ohne identifizierbare nozizeptive Ursache.

1️⃣2️⃣ Verschiedene Faktoren (hormonell, genetisch, muskulär, entzündlich) können zur Entwicklung von Vulvodynie beitragen.

1️⃣3️⃣ Sensorische Überempfindlichkeit in der Vulvaregion ist oft durch zentrale Schmerzmechanismen geprägt.


🔹 Genito-Pelvine Schmerz-Penetrationsstörung (GPPPD)

1️⃣4️⃣ Beckenbodenmuskeln können zur GPPPD beitragen.

1️⃣5️⃣ Das Verständnis der Anatomie, Physiologie und Funktion des Beckens kann falsche Vorstellungen über GPPPD korrigieren.

1️⃣6️⃣ Erhöhter Muskeltonus der Beckenbodenmuskulatur ist oft ein Schutzreflex gegen Schmerzen bei Penetration oder Berührung.


Nach diesen 16 krankheitsbezogenen Aussagen wurden zudem Aussagen in Bezug zu Lebensphasen getroffen.


📌 Edukative Aussagen für spezifische Lebensphasen

🔹 Adoleszenz

1️⃣7️⃣ Dysmenorrhö (Menstruationsschmerz), der den Alltag beeinträchtigt, ist nicht „normal“.

1️⃣8️⃣ Eine frühe Diagnose und Behandlung von Menstruationsschmerzen sind wichtig, um spätere Probleme zu vermeiden.

1️⃣9️⃣ Adoleszente mit anhaltenden Beckenschmerzen haben ein erhöhtes Risiko für zentrale Sensibilisierung.

2️⃣0️⃣ Chronische Schmerzen im Jugendalter können sich auf spätere Schmerzmechanismen und Bewältigungsstrategien auswirken.

🔹 Reproduktive Jahre

2️⃣1️⃣ Beckenschmerzen können durch hormonelle Schwankungen und Menstruation beeinflusst werden.

🔹 Menopause/Postmenopause

2️⃣2️⃣ Postmenopausale hormonelle Veränderungen können Beckenschmerzen beeinflussen.

2️⃣3️⃣ Strukturelle, funktionelle und psychologische Veränderungen durch die Menopause spielen eine Rolle bei Beckenschmerzen.


Zusammenfassung: Ansatz zur Erstellung einer Leitlinie bei persistierenden Beckenschmerzen


Auch


📌 Empfohlene Maßnahmen für die Schmerzaufklärung:

  • Interaktive Bildungsangebote: Kurse oder Workshops zur Erklärung der Schmerzmechanismen.

  • Psychoedukation: Unterstützung für Patient:innen, um Ängste zu reduzieren.

  • Integration in Physiotherapie: Kombination aus Bewegungsübungen und kognitiver Umstrukturierung.

  • Berücksichtigung individueller Schmerzbiografien: Schmerztherapie an spezifische Lebensphasen anpassen.


Wer ist G. Lorimer Moseley und welche Rolle spielt er in der Physiotherapie?

Und nun zum bekanntesten Autor dieser Studie. G. Lorimer Moseley ist einer der weltweit führenden Wissenschaftler im Bereich der Schmerzforschung und insbesondere der Schmerzaufklärung (Pain Science Education, PSE). Er ist Physiotherapeut und Neurowissenschaftler und hat zahlreiche Studien sowie praxisorientierte Bücher zum Thema chronischer Schmerz veröffentlicht:

  • „Explain Pain“ (2003) – gemeinsam mit David Butler, eines der einflussreichsten Bücher zur Schmerzaufklärung für Therapeut:innen und Patient:innen.

  • „Explain Pain Supercharged“ (2017) – Weiterentwicklung des Modells für Fachleute.


Moseleys Einfluss auf die vorliegende Studie

Da Moseley als Mitautor an dieser Studie beteiligt ist, ist es wahrscheinlich, dass sein Einfluss sich in mehreren Bereichen zeigt:

1️⃣ Starker Fokus auf Schmerzaufklärung (PSE):🔸 Die Studie basiert auf der Idee, dass Verständnis über Schmerz das Schmerzmanagement verbessert – ein Kernthema von Moseley.🔸 Es ist naheliegend, dass seine Forschung über die Rolle des Gehirns und der Wahrnehmung in der Schmerzentstehung stark eingeflossen ist.

2️⃣ Biopsychosoziales Modell als Basis:🔸 Die Studie de-emphasisiert den rein strukturellen (biomedizinischen) Schmerzansatz und hebt hervor, dass Schmerz nicht immer mit Gewebeschäden korreliert.🔸 Das entspricht genau Moseleys Standpunkt, dass chronischer Schmerz oft eher mit Veränderungen im Nervensystem als mit körperlichen Defekten zusammenhängt.

3️⃣ Wenig Berücksichtigung von Patient:innenperspektiven:🔸 Moseley wird manchmal dafür kritisiert, dass sein Modell die Bedeutung von organischen Schmerzursachen (z. B. Endometriose) herunterspielt.🔸 In der aktuellen Studie zeigt sich eine ähnliche Tendenz:➝ Die Expert:innen betonen die Unabhängigkeit von Schmerz und Gewebeschaden, während Patient:innen oft die Validierung ihrer körperlichen Erkrankungen fordern.

4️⃣ Einfluss auf die Delphi-Methodik:🔸 Moseley war an vielen Delphi-Studien beteiligt und kennt die Methodik.🔸 Wahrscheinlich hat er die Studienstruktur mitgestaltet, um eine interdisziplinäre Konsensbildung zu ermöglichen.

Mögliche Verzerrung:❗ Da Moseley stark mit der Pain Neuroscience Education (PNE)-Bewegung verbunden ist, könnte die Studie eine Bestätigung seines Ansatzes sein, anstatt alternative Modelle gleichwertig zu berücksichtigen.❗ Ein kritischeres Hinterfragen von organischen Schmerzursachen oder anderen Schmerzmodellen hätte möglicherweise gefehlt.


Mit wem arbeitet Moseley typischerweise zusammen?

G. Lorimer Moseley hat über die Jahre mit einer relativ stabilen Gruppe von Forschenden gearbeitet, die stark auf Schmerzaufklärung, Nozizeption und das biopsychosoziale Modell fokussiert sind.


Häufige Koautor:innen und Netzwerkpartner:innen:

David Butler (Neurodynamik, Co-Autor von „Explain Pain“)

Adriaan Louw (Pain Neuroscience Education in den USA)

Hayley B. Leake (Mitautorin dieser Studie, arbeitet an PSE für Kinder)

K. Jane Chalmers (ebenfalls Mitautorin, enge Zusammenarbeit mit Moseley)

Monique Wilson & Amelia Mardon (Co-Autorinnen dieser Studie, arbeiten ebenfalls an Moseleys Konzepten)

Jo Nijs (Forschung zur chronischen Schmerzmodulation, Zusammenarbeit mit Moseley in Meta-Analysen)

Mark Hutchinson (Neurowissenschaftliche Schmerzforschung, oft Co-Autor mit Moseley)


Wie beeinflusst Snowball Sampling diese Studie?

Mögliche Verzerrung der Ergebnisse:

  • Da Moseleys Netzwerk stark in die Studie involviert ist, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass primär Expert:innen mit ähnlichen Überzeugungen zu Pain Science Education (PSE) eingeladen wurden.

  • Das bedeutet, dass alternative Modelle (z. B. stärker biomedizinische oder mechanische Sichtweisen) unterrepräsentiert sein könnten.

Wenig Diversität in den Expert:innen-Meinungen:

  • Wenn alle Expert:innen aus einer ähnlichen Denkweise rekrutiert wurden, kann dies zu einem „Echokammer-Effekt“ führen.

  • Andere Perspektiven, etwa von Fachleuten aus der Viszeralmedizin oder Gastroenterologie, fehlen möglicherweise.


Fazit & Bedeutung der Studie

Diese Studie liefert eine umfassende Liste von edukativen Aussagen zur Schmerzaufklärung. Sie bietet eine ausführliche Grundlage für die Entwicklung von Bildungsangeboten für Patient:innen und Fachkräfte. Allerdings fehlen evidenzbasierte Prüfungen für einige Konzepte sowie die Einbindung von Betroffenen in den Forschungsprozess, sowie die Einbindung "andersgesinnter" Expert:innen ➡ die getroffenen Aussagen werden als selbstverständlich gesichert getroffen, da sich die Expert:innen dieselbe Perspektive auf Schmerz teilen.

✅Das macht diese Studie zu einer informativen und guten Erfassung von Expert:innenmeinung bezogen auf Schmerzwissenschaft und vorrangig Beckenschmerzen von Personen weiblichen Geschlechts. Das macht sie nicht schlecht, aber recht einseitig.

❌Die Erfassung von Aussagen zur Erstellung von Konzepten für Schmerzedukation hätte auch Betroffene männlichen Geschlechts implementieren können, sowie die Aussagen von Expert:innen aus weiteren wissenschaftlichen Kreisen


Quelle:

Mardon, Amelia K et al. “Pain science education concepts for pelvic pain: an e-Delphi of expert clinicians.” Frontiers in pain research (Lausanne, Switzerland) vol. 6 1498996. 4 Feb. 2025, doi:10.3389/fpain.2025.1498996




 
 
 

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